Geschrieben am von in Work Life Balance.

Teil 5 – Interview mit Toby Ruckert

Noch einmal zurück zur Life-Work-Balance. Toby, Du bist kein 4-hour-Week-Entrepreneur und weist immer wieder darauf hin, dass Unternehmer zu sein häufig harte Arbeit ist. Auch verbunden mit Verzicht.

 

Eine Sache auf die Du auf keinen Fall verzichten würdest sind regelmäßige Auszeiten, in denen Du meditierst. Warum ist Dir das so wichtig und was machst Du in einer solchen Meditationszeit?

 

Da muss ich etwas ausholen. In Deutschland wachsen die meisten Menschen mit einem Jahresurlaub auf. Wenn sie Glück haben, sogar mit einem Sommer- und einem Winterurlaub. Viele Menschen leben sogar „von Urlaub zu Urlaub“. In Asien hingegen gibt es dieses Konzept so nicht.

Ich habe einmal einen koreanischen Geschäftspartner eingeladen, uns in Neuseeland zu besuchen. Auf die Frage wie lange wir ihn einladen würden, wusste ich nicht genau was antworten (es könnte ja frech sein, nur eine Woche anzubieten) und meinte dann nur: „vielleicht so eine Woche?“ – worauf mein Partner antwortete: „Keine Chance, 3 Tagen müssen reichen“.

Wie ich herausgefunden habe, nimmt sich dieser Mann im gesamten Jahr, genau 3 Tage Urlaub. Alles andere empfindet er als „Verschwendung“ von Arbeitszeit, in der ja er etwas für sich, seine Familie und andere leisten könnte. In Indien z.B. war das Konzept von Urlaub – mit Ausnahme der kulturellen und religiösen Feiertage natürlich – bis noch vor 10 Jahren praktisch unbekannt.

Leben die Menschen dort deswegen schlechter?
Kürzer? Oder leisten weniger?

Ich glaube nicht.

Was mir aber gerade in Indien bewusst wurde ist, dass viele Menschen die Erholung, die wir ein- oder zweimal im Jahr möglichst am Stück verbringen möchten, auf viele kleine Urlaubsmomente im Jahr verteilen, d.h. jeden Tag etwas davon haben. Ich finde diese Herangehensweise logisch, wenn mir Balance wichtig ist, denn ausgeglichen zu sein, ist doch etwas was ich eigentlich jeden Tag brauche, um meine Firma und meine Mitarbeiter besser leiten zu können, und nicht nur die paar Wochen nach einem Jahresurlaub.

 

Hilft Dir Meditation auf neue Ideen zu kommen?

 

Inspiration ist so eine Sache. Wenn der Geist nie ruht, fällt es der Inspiration auch schwer, uns in ihrer Gesamtheit zu erreichen. Selbst im Schlaf denken wir ja noch, nämlich in der Form von Träumen. Ob wir uns da immer erinnern, ist eine andere Frage, aber „Erholung“ ist dies nicht. Wie mein Körper Ruhe (Schlaf) braucht, um sich zu regenerieren, so braucht dies auch der Geist. Ich meditiere also u.a. deswegen, um mir eine Gedankenlosigkeit zu ermöglichen, die den dafür neutralen Raum schafft, der für die Entstehung neuer Ideen nötig ist.

Der zweite Grund ist, dass kein Mensch perfekt ist. Jeder hat Fehler, aber gerade um als Unternehmer erfolgreich zu sein, gilt es, möglichst schnell aus diesen zu lernen. Dies trifft auf sowohl persönliche oder charakterliche Schwächen, als auch auf professionelle Schwächen zu, denn schließlich übernimmt man als Entrepreneur in der Gesellschaft so oder so eine wichtige Verantwortung. Wer schnell lernen möchte, muss daher eine gewisse Selbst-Analyse betreiben. Ohne dass diese aber objektiv ausgeführt wird, ist sie fast nichts wert, im Gegenteil, man kann sich sogar verschlechtern. Die Ruhe, die aus der Leere von Gedanken entsteht bietet einem die Bühne, diese Selbst-Analyse objektiver zu gestalten und schenkt einem auch die Kraft seinen Schwächen und seinem Ego offen und mutig gegenüberzutreten.

 

Hilft Dir Meditation bei Entscheidungen, was Du tun wirst?

 

Es gibt als Entrepreneur ein Problem: Wie kann ich etwas wissen, das ich gar nicht wissen kann? Und wie kann ich mit dieser Unsicherheit selbstbewusst umgehen?

In vielen Situationen brauchen wir als Unternehmer ein Bauchgefühl, denn das was wir schaffen, ist oft von der Zeit, in der wir leben, noch nicht anerkannt. Die Genauigkeit dieses Bauchgefühls nimmt mit Berufs- und Lebenserfahrung meist natürlicherweise zu, und sie trägt auch wesentlich zu unserem langfristigen geschäftlichen und privaten Erfolg bei. Beschleunigen kann man sie aber noch mit Meditation.

Ich kann unmöglich wissen, was genau hinter der nächsten Kurve kommt, wenn ich noch nie da war. Selbst wenn ich jemanden fragen könnte, der gerade dort war, kann ich nie sicher wissen, ob für mich die gleichen Bedingungen zutreffen oder ich die Kurve gleich empfinden werde. Aber manchmal hilft es einfach, eine Ahnung zu haben, was mich dort erwarten könnte, v.a. dann, wenn ich mich auf diese Ahnung im Laufe eines Lebens mehr und mehr verlassen kann.Vielleicht ist es sogar eines der Dinge, die wir aus dem Leben mit in den Tod nehmen können, und davon gibt es bekanntlich nicht so viel.

Zwei Vertiefungen zum Thema von Toby Ruckert:

Über Unternehmerschaft und Intuition
http://tobyruckert.com/2012/02/12/intuition-and-entrepreneurship/

Gründe, warum Toby Ruckert Meditation als so wichtig empfindet.
http://tobyruckert.com/2012/01/05/so-you-want-to-meditate/

 

Vielen, vielen Dank, Toby, für Deine Antworten und Einblicke.
Wir wünschen Dir viel Erfolg mit Deinen Projekten, speziell mit Unified Inbox.

 

 

 

Toby Ruckert

 

Dies ist der letzte Teil des Interviews mit Toby Ruckert.

 

 

 

 

 
Die anderen Teile des Interviews

Teil 1 des Interviews – Warum Balance so wichtig ist und wie man Anti-Balance-Fallen umgeht

Teil 2 des Interviews – Über Lieblings-Ideen und das Warum hinter einer Idee

Teil 3 des Interviews – Wie ist die Balance zwischen global und local?

Teil 4 des Interviews – Wie ist die Balance zwischen klein und groß


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