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Wie Sie smart 96.000 Euro über Kickstarter einsammeln

 

Berend Frenzel lebt in Basel und besuchte uns in der Vorbereitung seines ersten Soloproduktes. Wir sprachen über seine Idee, einen Holzständer für das iPad patentieren und produzieren zu lassen. Weder er noch wir wussten damals, dass sein Solo Crowdfunding ein Jahr später fast 100.000 Euro einspielen würde. Wie es dazu kam und wie er mit einem Stück Holz so erfolgreich wurde, darum geht es in diesem Artikel.

Wie fräst man aus edlem Holz einen statisch perfekten Holzständer für das iPad?

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Eigentlich ist Berend Architekt. Doch Statik und Formen haben es ihm angetan. Von daher kann man ihn auch Designer nennen. Er liebt einfache, minimalistische Dinge. Als das iPad von Apple herauskam, war es Liebe auf den ersten Blick. Aber ihm fehlte ein schöner praktischer Ständer. Das iPad rutschte immer wieder aus der Hand oder ließ sich nicht einfach irgendwohin stellen.

Wie wäre es mit einem Holzständer, auf dem man das iPad in verschiedenen Positionen bequem abstellen kann? Hüllen gabe es viele, Ständer kaum. Aus Holz gar nicht. Er begann Prototypen zu bauen, zu rechnen und Statiken zu überschlagen. Das Ergebnis ist Yohann. Denn jedes iPad braucht eigentlich seinen eigenen Butler (in der Schweiz ist “Yohann” der umgangssprachliche Name für einen sympathischen Butler).

Das Besondere an Yohann

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Yohann kann das iPad hochkant und quer aufnehmen und bietet drei verschiedene Positionen, die alle tippstabil sind. Eine Entwicklungsarbeit, die sehr ausgefuchst ist und daher auch patentiert werden konnte. Hier sieht man die Version in lackiertem Kunststoff. Besonders praktisch für die Küche.

Als nach vielen Versuchen in Handarbeit der Prototyp endlich funktionierte, stand Berend Frenzel vor drei Herausforderungen:

A – Produktion
B – Finanzierung der ersten Serien
C – Marketing

Produktion in Deutschland und Italien

Die Produktion baute Berend komplett über Komponenten auf. Berend suchte lokale, traditionelle Handwerksbetriebe, die ökologisch hochwertig Holz bearbeiten konnten. Das Holz stammt aus nachhaltig beforsteten Wäldern, er legt Wert darauf, alle Personen zu kennen, die in der Produktion arbeiten.

Heute besteht die Herstellungskette aus drei Komponenten:


Komponente 1:
Schneiden der Rohblöcke aus den Holzstämmen und Fräsung der Rohblöcke in Italien


Komponente 2:
Feinschliff in einer Tischlerei im Schwarzwald


Komponenten 3:
Auftragen von Wachs, Öl, polieren, verpacken, versenden in einer gemeinnützigen Werkstatt.


Teuer in der Produktion waren u.a. die Erstellung von Metallmodellen, die in der Fräse benötigt werden, um die Form abgreifen zu können und die Gussformen für den Kunststoff. Nur so ließ sich durch eine realativ hohe Auflage ein vertretbarer Einzelpreis in der Produktion erzielen (Anmerkung für alle 3D-Drucker-Fans: Nein, diese Qualität kann man noch nicht mit einem Drucker zu einem guten Preis erzielen). Die Kunstoffvarianten werden bei einem Zulieferer für die Autoindustrie gefertigt.

Das Startsortiment
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Smartes Team mit nur 2 Gesellschaftern

Berend Frenzel hatte nicht genug eigenes Geld, um die komplette Produktion in 4 verschiedenen Holzarten und 2 verschiedenen Kunststoffarten vorzufinanzieren. Auch wollte er von Anfang an international (vor allem auch in der USA) verkaufen. Aus diesem Grund entschied er sich im Gespräch mit uns gegen eine reine Solopreneur-Aufstellung und beschloss mit David einen Partner vor allem für Marketing in den USA und die Internationalisierung dazuzunehmen. Dadurch wurde es einfacher, Lager, Marketing und Vertrieb in den USA gezielt anzugehen.

Mit dieser Aufstellung erfüllt Yohann alle Kriterien eines smartes Teams: Sehr kleiner Kernstamm von handelnden Personen, die nicht am gleichen Ort sitzen (Smartes Remote Team).
Das er eine AG gründete fällt Deutschen ins Auge, klingt mächtig, ist aber in der Schweiz der normale Weg und dort so gebräuchlich, wie bei uns die GmbH.

Marketing über Solo Crowdfunding

Als die Finanzierung und Produktion geklärt war, stand die Frage des Marketings im Raum. Da Yohann durch Fotos und ein Video sehr gut vorgeführt werden kann, bot sich Crowdfunding an. Wie in unserem Buch Solopreneur beim Fallbeispiel „mini museum“ beschrieben, teilte er seine Kampagne in mehrere Phasen ein und bot unterschiedliche Editionen und Pakete von Yohann.

Hier der Film zur Yohann Kickstarter Kampagne, an dem viele Freunde und Bekannte von Berend Frenzel mitwirkten.

Solo Crowdfunding mit starkem Erfolg

  • Ziel der Kampagne war 40.000 $
  • Dieses Ziel war bereits nach 5 Tagen erreicht!
  • Aber damit hörte es nicht auf:
  • 856 Unterstützer gaben 110.000 $ (= 96.000 Euro).
  • 1.100 Yohanns wurden versendet.
  • Das ist 275 % Zielerreichung!

Mit diesem Geld konnten die ersten Serien vorfinanziert und die Produktion aufgenommen werden.

Was waren die Erfolgsfaktoren für das Solo Crowdfunding?

• ein emotional starkes Produkt, das es so noch nicht gab
• gute Fotos und ein sehr schöner Film
• starke Aktivierung von Friends & Familiy

Wir fragten, Berend Frenzel, was er heute noch an der Kampagne verbessern würde. Er nannte:

• Fans bereits vorher über Facebook sammeln
• Vorher eine E-Mail-Liste aufbauen
• Bessere PR
• attraktiveres Pricing, auch wenn kein Deckungsbeitrag übrig bleibt, da höhere Dynamik.

Würde er es wieder tun?

Ja, die Hauptwirkungen für Yohann waren:


  • Veröffentlichung der Idee an ein breites Publikum als „Schutz geistigen Eigentums“
  • (neben der eigentlichen Patentierung)
  • Öffentliche Aufmerksamkeit aus Marketingzwecken
  • Markttest
  • Grundfinanzierung der ersten Produktion

Wie ist inzwischen der Erfolg von Yohann?

Das Produkt verkauft sich gut, wenn es gesehen wird. Online-Marketing ist bisher jedoch schwierig und teuer. Es ist ein Erlebnisprodukt. Wer es in den Händen hat, ist davon überzeugt.

Was sind die nächsten Meilensteine für Yohann?

Ausbau des Online Marketing und amerikanischer Markt. Ausbau der Produktpalette (weitere Produkte für iPad Pro, Apple Watch, iPhone…).

Was für Komponenten nutzt Berend Frenzel?

Die Produktionskomponenten haben wir bereits oben beschrieben. Hier konzentrieren wir uns nur noch kurz auf die zentrale Onlinekomponente: Den Shop. Zur Zeit (Stand Okt. 2015) setzt er PrestaShop sein. Wir fragten ihn:

Herr, Frenzel. Sind Sie mit PrestaShop als Komponente zufrieden?

Berend Frenzel:

Nein. Ich hatte zuerst Woocommerce, welches unsere Anforderungen für den internationalen Verkauf dann doch nicht efüllte. Auch Prestashop hat seine Probleme, vor allem was den Workflow im Backend mit Fakturierung, Buchhaltung und Warenwirtschaft angeht. Im Nachhinein hätte ich lieber zu Anfang mehr investiert und z.B. einen Magentoshop eingerichtet, der für diese ganzen Backend-Möglichkeiten besser und stabiler aufgestellt ist. Lieber gleich richtig.

Das zeigt, dass gerade bei internationalen Projekten die Shopwahl kniffelig ist. Unsere Faustformel: deutschsprachiger Start und wenig Artikel – Shop schlank halten und einfachere Komponenten nutzen. International und mehrsprachig – aufpassen, Anforderung erfassen und dann gezielt suchen.


Die Website von Berend Frenzel

https://yohann.com/de/

Yohann bekam gute Presse. Sowohl deutschsprachig, als auch international:

https://yohann.com/press



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