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Fairtrade kommt nicht nur aus Afrika, sondern kann auch direkt vor unserer Nase passieren. In diesem Interview sprechen wir mit dem Solopreneur-Paar Susanne Rodemann-Kalkan und Dr. Fatih Kalkan. Die beiden schlagen mit PATIQA eine Brücke zwischen Hannover und Istanbul.

Fatih, Ehrenfried, Brigitte (mit PATIQA-Schaals) und Susanne (mit PATIQA-Tasche) auf dem Solopreneur Day 2017

 

Über Taschen, Tücher und Fairtrade

 

Hallo Susanne, hallo Fatih. Ihr baut gerade ein smartes Geschäftskonzept auf mit – wie wir finden – sehr schönen Dingen. Hinter diesen schönen Sachen steht eine tiefere Geschichte. Was war der Einstieg in Euer Konzept?

Als Ehepaar mit deutsch-türkischen Wurzeln bauen wir gerne Brücken zwischen unseren beiden Kulturen. Auch im Sommer 2016 waren wir in diesem Sinne in Istanbul unterwegs, als der Putschversuch unsere Perpektive auf den Kopf gestellt hat: Das Leichte und Lebendige unseres interkulturellen Lebens war plötzlich einer tiefen Krise ausgesetzt. Nach unserer Rückkehr nach Deutschland verfolgten wir fassungslos die Entwicklungen in der Türkei und hörten von Freunden und Verwandten, dass die ausbleibenden Touristenströme viele kleine Betriebe in Probleme brachten.

Viele, die dieses Interview lesen, werden dies nachfühlen, auch ich war über das Geschehen in der Türkei bestürzt. Wie habt Ihr reagiert?

Da wir es nicht aushalten konnten einfach nichts zu tun, beschlossen wir neben unseren Haupttätigkeiten als Physiker und Umweltwissenschaftlerin schöne Dinge aus türkischen Kunsthandwerksbetrieben in unserem deutschen Freundeskreis und auf Märkten zu verkaufen.

Die Resonanz war so positiv, dass wir nach kurzer Zeit fast alle Waren los waren. So beschlossen wir, die Idee größer aufzuziehen, einen Webshop zu bauen und unser Sortiment zu erweitern. Da wir neben unseren Berufen nicht unendlich viel Zeit haben, musste das Konzept möglichst „smart“ sein und so war die Theorie der „Smart Business Concepts“ sehr hilfreich bei unserer Geschäftsentwicklung.

Das hört sich so einfach an: Taschen in einem ersten Test in Deutschland verkauft, dann einen Webshop aufgesetzt. Wir waren von der Schönheit Eurer Ware fasziniert. Dazu habt Ihr einen Fairtrade-Ansatz. Wie habt Ihr das alles in so kurzer Zeit auf die Beine gestellt? Wie habt Ihr zum Beispiel Eure Produkte gefunden?

Als gebürtiger Istanbuler hat Fatih früher neben seinem Studium der Physik und Kunstgeschichte in Teilzeit am Grand Bazaar in Istanbul gearbeitet. Dieser Ort ist voller Geschichte und Geschichten, so bunt wie eine Filmszene. Fatih begegnete dort Tausenden von Menschen aus verschiedenen Kulturen. Es hat ihm immer Spaß gemacht, dort zu arbeiten. Fatih ist über die Zeit, die er später in Deutschland studierte, promovierte und arbeitete immer im Kontakt mit den alten Freunden vom Großen Bazaar geblieben.

Gewachsene Kontakte zum Grand Bazaar in Istanbul – das ist eine starke Quelle. Während viele Quick-Money-Maker irgendwie sourcen (oft in Asien) und keine persönliche Geschichte zur Ware haben, ist das bei Euch anders. Hier kommt die tiefere Dimension Eures Ansatzes ins Spiel. Ihr wollt mit Eurem Smart Business vor Ort etwas bewirken.

Nach dem Putschversuch hörte Fatih immer wieder von kleineren Geschäften alter Bekannter, die notgedrungen schließen mussten, weil immer weniger Touristen nach Istanbul und auch auf den Großen Bazaar kommen. Wir wollen diesen kleinen Familienunternehmen helfen, neue Handelswege zu erschließen.

Das war der Kern unserer Idee: Wie wäre es, wenn wir handgewebte Schals und geknüpften Handtaschen, mit denen Fatih früher im Großen Bazaar gute Erfahrungen gemacht hatte, nach Europa – zuerst nach Deutschland – bringen und ein schönes Sortiment aufbauen?

Upcycling

Wie wichtig ist Euch dabei das Thema Upcycling?

Uns ist wichtig, mit unseren Produkten zu einer positiven, nachhaltigen Entwicklung beizutragen. Das hat mehrere Ebenen. Dazu gehört für uns die freundschaftliche Zusammenarbeit mit unseren Partnerbetrieben genauso wie umweltfreundliche Arbeitsweisen und gesunde Arbeitsbedingungen.

Unsere Handtaschen sind Upcycling-Produkte.

Upcycling ist unsere Strategie, die Ressourcen unseres Planeten zu erhalten und zu verhindern, dass mehr Abfall produziert wird. Dazu greifen wir auf Teppichgewebe von Kelim-Teppichen zurück. Das Wieder- und Neuverwenden der wunderschönen Kelim-Teppiche rettet gleichzeitig aber auch wertvolle Handwerkstechniken und bringt damit Geschichten aus der Vergangenheit in die Zukunft. Jedes Muster erzählt seine eigene Geschichte. Jeder Teppich wurde zu einem besonderen Anlass wie Hochzeit oder Geburt eines Familienangehörigen geknüpft und zeigt die Herkunft und individuelle Kreativität der Knüpferin. Die Werkstätten, in denen unsere Handtaschen aus gut erhaltenen Kelim-Teppichen und hochwertigem Leder hergestellt werden, wissen um diese Tradition und geben den handgeknüpften Stoffen ein neues Leben.

Unsere Schals sind neu gewebt, bewahren aber ebenfalls eine jahrtausend alte Handwerkstechnik. Die Webtechniken geben Hinweise auf die alten Zivilisationen, die diese Techniken erfunden haben. Unser Interesse an alten Kulturen, früheren Lebensstilen und altem Wissen machen das Thema Fairtrade und Upcycling für uns noch interessanter.

Herausforderungen

Was war bisher bei Eurem Smart Business Concept einfach?

Einfach war es, das Sortiment zusammenzustellen und den Kontakt zu den Familienbetrieben aufleben zulassen. Dank der Herzlichkeit und der Wärme der Menschen in diesen kleinen familiären Werkstätten ist die Kommunikation zwischen uns und unseren Lieferanten problemlos. Der Kontakt ist sehr herzlich und wir bekommen viel Dankbarkeit zu spüren – so stellen wir uns fairen Handel vor.

Was war für Euch bisher schwer?

Der Import der Waren aus der Türkei, weil wir das zum ersten Mal gemacht haben. Außerdem ist es eine Herausforderung bei einzigartigen Produkten im Sortiment einen „smarten“ Logistik-Ansatz zu finden. Da alle Taschen Unikate sind, brauchen wir viele Artikelnummern und die Weitergabe des Versandes an eine Logistik-Komponente lohnt sich erst bei großen Umsatzmengen.

Mit Mangento setzt Ihr von Anfang an nicht auf WordPress, sondern konsequent auf ein Shopsystem. Ein Vorgehen, dass bei Euch viel Sinn macht. An welchen Stellen braucht Ihr von anderen Unterstützung? 

Noch machen wir alles selbst: Webshop-Programmierung, Fotos der Ware, Design und Texte – wir bootstrappen, was uns in diesem Anfangs-Stadium auch viel Freude macht. Wir brauchen in Zukunft aber Hilfe in den Bereichen Wareneingang, Warenprüfung, Warenlagerung und Lieferung. Im Moment haben wir alle Waren noch bei uns zu Hause, von wo aus wir auch verschicken. Hier brauchen wir langfristig eine andere Lösung. Außerdem feilen wir noch am Marketing-Konzept. Bei Logistik und Marketing sind wir dankbar für Ideen und Kooperationen.

Zufriedenheit

Was hat Euch bisher am meisten Spaß gemacht?

Die Produkte auszuwählen und im Direktverkauf auf Weihnachstmärkten zu testen. Gespannt sind wir auf unseren nächsten Weihnachtsmarkt auf Schloss Oelber bei Braunschweig, wo wir zum ersten Mal richtig viele Kelim-Upcycling-Handtaschen dabeihaben. Es ist auch toll, die leuchtenden Augen zu sehen, wenn Kunden die weichen Wollschals in die Hände nehmen und zum ersten Mal um die Schultern legen.

Ein Smart Business Concept soll die eigene Lebensqualität verbessern. Ist das bei Euch eingetreten?

Ja. Letzte Woche sind wieder großen Pakete aus der Türkei bei uns angekommen – das ist immer ein bisschen wie Weihnachten! Es ist ein gutes Gefühl, mit unserem Business zur Lebensqualität anderer Menschen beizutragen: Die Familienbetriebe entwickeln Hoffnung und unsere Kunden wissen, dass sie nicht nur ein besonders schönes, hochwertiges Produkt kaufen oder verschenken, sondern auch direkt dazu beitragen, anderen Menschen eine Perspektive zu geben. Das macht uns glücklich und schenkt uns selbst eine ganz besondere Lebensqualität!

Nun sind wir gespannt, wie sich alles weiterentwickelt und genießen, dass wir unsere Möglichkeiten so kreativ nutzen können und neue Ideen in die Welt bringen können.

Liebe Susanne, lieber Fatih, danke für das Interview. Wir wünschen Euch eine rauschende Weihnachts-Saison, in der andere Euch den Shop leerkaufen und selbst gute Weihnachten und viel Wachstum und gute Lösungen im neuen Jahr!

Hier geht es zum Webshop von PATIQA